Daheim
14. August 2009
Nun sind wir wieder erfolgreich gelandet – der Flug war pünktlich, angenehm, und das Wetter war prima – auch noch unterhalb der Wolken. Nun werden wir am Flughafen von einer Werbetafel begrüßt, die uns darüber aufklärt, dass man hierzulande “Käffsche” sagt, dazu ein “Schnäggsche” isst und sich gleich um die Ecke ein “Wäjelsche” mieten kann. Die Ansagen in der S-Bahn verstehen wir plötzlich wieder, und lediglich ein paar Kanelbullen im Gepäck haben sich noch aus Schweden herübergerettet, um uns, wenn unsere S-Bahn gleich in Mainz ankommt, noch eine letzte sentimentale Fika, also eine schwedische Kaffeepause, zu bereiten.
Wir haben die Zeit in Stockholm unheimlich genossen, und ihr habt schon gemerkt, dass das eher ein Aktivurlaub war als neun Tage Sonnenbaden – aber entspannen können wir ja schließlich auch daheim. ;-)
Zum Schluss nochmal ein herzliches Dankeschön an euch alle für eure Unterstützung zu dieser Reise, an die wir uns sicher noch lange erinnern werden. Schön, dass ihr uns in Gedanken ein bisschen begleitet habt, und wir hoffen, wir konnten euch einen kleinen Einblick in unsere Tage in Schweden näherbringen. Alles, was hier nicht schon steht, erzählen wir natürlich auch gerne persönlich!
Mit diesem Eintrag schließe ich dieses Blog ab, werde es aber noch online lassen, für den Fall, dass jemand von euch früher oder später noch einmal reinschauen möchte – oder vielleicht selbst Lust auf Schweden und Stockholm bekommen hat und sich ein paar Anregungen holen möchte. Also, danke nochmal, und: Hej då, vi ses!
Historiska Museet und … Regen
13. August 2009
Als letzte Aktivität unseres Urlaubs haben wir uns noch das historische Museum angeschaut. Dies zeigt die Geschichte der Menschheit einmal aus nordeuropäischer Sicht, also beispielsweise mit stärkerem Fokus auf der Geschichte der Wikinger.
Ein umfangreicher Audioführer (wie kommt es eigentlich, dass ausnahmslos alle Stockholmer Museen exakt das gleiche Audioguide-System einsetzen?) auf Deutsch hat die ohnehin schon sehr aufwendige Ausstellung noch lebendiger gemacht: Im Bereich der Frühzeit werden acht verschiedene Menschen aus verschiedenen Epochen dargestellt, je nach Verfügbarkeit mit Hilfe von Knochenfunden, Rekonstruktionen, Videosequenzen, Grabfunden, …
Besonders faszinierend ist, wie Menschen schon vor vielen tausend Jahren filigranste Verzierungen beispielweise an Metallobjekten vornehmen konnten. Auch die zum Teil grundlegend anderen Gesellschaftsstrukturen in anderen Zeiten sind bemerkenswert: So kennen wir zwar sicherlich alle das Bild der Wikinger-Männer, die in die Schlacht ziehen – Thorsten und mir war aber bis heute unbekannt, dass die Wikinger-Frauen beispielsweise maßgeblich auf politische Entscheidungen und damit auch auf die Entscheidungen darüber, gegen wen man in eine Schlacht zieht, Einfluss genommen haben.
Heutzutage geradezu grotesk wirkten auch die Festsetzungen von Preisen, die nach dem Erschlagen eines Menschen an dessen Hinterbliebene bezahlt werden mussten, damit diese keine Blutrache und damit den Tod des Erschlagenden mehr fordern konnten: So wurde hier beispielsweise anhand der Herkunft unterschieden, dass für das Erschlagen eines Gotländers wesentlich mehr Silber zu zahlen war als für das Erschlagen eines Nicht-Gotländers – und für das Erschlagen eines Sklaven wurde nur ein Bruchteil fällig, der dann wohl auch nicht an dessen Angehörige, sondern an dessen Besitzer zu zahlen war.
Im Keller des Museums befindet sich schließlich noch die Goldkammer, in der sich – hinter dicken Türen und Glasscheiben – insgesamt rund 50 Kilo Gold in Form von Schmuck, Helmen, Münzen, Bischofsstäben und anderen Wertgegenständen befinden. Vor der Kammer ist im Boden eine Platte eingelassen, in der – ähnlich einem Runenstein – eine bildliche Geschichte dargestellt wird. Sie zeigt, wie Sigurd den Schatz, den er vom Drachen Faffnir erbeutet hat, nach Hause bringt. Auf dem Schatz liegt bekanntlich ein Fluch, der seinem Besitzer Unglück bringt – was das Museum hier wohl augenzwinkernd auch als Warnung an potentielle Diebe ausspricht.
Nach unserem Museumsbesuch trieb uns Regen und nicht mehr aufhellen wollender Himmel schließlich zurück in die Jugendherberge, wo wir uns ans Kofferpacken machten. Nun gehören wir aber schleunigst ins Bett, denn morgen heißt es früh aufstehen, um rechtzeitig den Flug nach Hause zu erwischen.
Stadshuset
13. August 2009
Den Morgen unseres letzten Tags haben wir wie wir es uns vorgenommen haben nochmal auf dem Kaknästornet verbracht und dort ein echtes Rip-Off-Frühstück zu uns genommen: zwei Cappuccinos und zwei süße Teilchen vom Buffet, an denen kein Preis stand – hossa waren wir rund 16 Euro los. Aber es ist der letzte Tag, und wir wollten uns nicht ärgern, zumal das Wetter die Vorhersage Lügen strafte. Schon in den beiden Tagen davor hatten wir nur vereinzelte kurze Schauer, konnten uns aber ansonsten weiterhin an der Sonne erfreuen.
Da für 14 Uhr im Stadshuset, dem Stockholmer Rathaus, eine deutsche Führung angekündigt war, machten wir uns langsam auf den Weg dorthin, auch wenn noch rund zwei Stunden Zeit waren. Ins Rathaus hinein kommt man nämlich nur im Rahmen einer Führung, weil dort ja auch gearbeitet wird – im Gegensatz zum Turm, der auch ohne Führung offensteht und den wir von daher vorher noch “kurz” besuchen wollten.
“Kurz” entpuppte sich als Warteschlange, die zwar nicht übermäßig lang schien, aber: Aus Sicherheitsgründen können sich maximal 30 Personen gleichzeitig im Turm aufhalten, und auch wenn die maximale Aufenthaltsdauer auf dem Turm auf 30 Minuten pro Person beschränkt wird, damit auch die anderen Wartenden noch eine Chance haben, kann sich jeder ausrechnen, dass selbst eine Schnecke noch pfeilschnell an der Warteschlange vorbeigezogen wäre. Das Schicksal wollte es, dass wir Viertel vor zwei an eine der vordersten Positionen vorgerückt waren – und dann die Schlange zugunsten der Führung verlassen mussten, auch wenn zumindest ich kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt hatte, die Führung zugunsten des Turms sausen zu lassen.
Gut, dass wir uns dennoch für die Führungt entschieden haben, denn das Stadshuset ist wirklich eines der schönsten und beeindruckendsten Rathäuser, die ich kenne. Die Führung begann im “Blauen Saal”, den ihr nebenstehend seht und der ganz offenkundig kein bisschen blau ist. Das Aufbringen von blauem Putz war zwar der ursprüngliche Plan, aber als der Architekt die roten Backsteine sah, gefielen sie ihm so gut, dass er kurzerhand seine Pläne änderte. Da der Name “Blauer Saal” aber in allen Plänen verzeichnet war, bei allen Beteiligten und auch schon in der Bevölkerung durch jene Pläne bekannt geworden war, beschloss man kurzerhand, die Benennung zu belassen. Der Saal erstreckt sich über eine Höhe von drei Stockwerken und wird oben an drei Seiten von einem breiten Fensterband umgeben.
An der vierten Seite befindet sich die größte Orgel Nordeuropas, im Bild zu sehen. Wie hier zu erkennen ist, ist sie nicht sehr hoch: Diese Klimmzug wurde geschafft, in dem die längsten Orgenpfeifen quer untergebracht wurden. Die Klaviatur der Orgel befindet sich neuerdings unten im Saal. Durch die weite Wegstrecke ergibt sich eine Verzögerung von rund 0,7 Sekunden, bis nach dem Drücken einer Taste auch der Klang zu hören ist – was zur Folge hat, dass der Organist vollständig “im Kopf” spielen muss und sich nicht durch den eigenen Klang der Orgel aus dem Takt bringen lassen darf.
Der Saal ist rund 1.500 Quadratmeter groß, und eine Menge Feierlichkeiten finden hier statt – darunter auch die Feier zur Verleihung der Nobelpreise, bei denen hier 1.300 Leute untergebracht werden müssen. Da muss beim Eindecken der Tafel genau gezirkelt werden: Die Preisträger und ihre Familien bekommen 80cm Platz, alle anderen Gäste 60cm – mehr geht nicht. Wer ad hoc keine Vorstellung von 60 Zentimetern hat: Das ist in etwa soviel Platz wie in der Economy Class im Flugzeug.
Doch der eigentliche Akt folgt erst noch: Beim Servieren des Essens bekommt zunächst die Königsfamilie ihr Essen, und dann gilt: Die Uhr läuft; innerhalb von drei Minuten müssen alle anderen Gäste ebenfalls ihr Essen erhalten haben – denn es soll ja nichts kalt werden. 200 Kellner müssen in dieser Zeit bis zu sieben Mal hinaus- und wieder zur Küche zurücklaufen, um alle Teller zu servieren – also gut 20 Sekunden pro Gang. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Ausgabe der Teller im ersten Stock befindet und pro Strecke somit zwei Treppen zu laufen sind – da artet Servieren in Sport aus!
Für “Normalsterbliche” ist es nebenbei praktisch ausgeschlossen, jemals zu einem Nobel-Bankett eingeladen zu werden. Der vielversprechendste Weg steht den Studenten in Schweden offen: 200 der 1.300 Plätze werden nämlich im Losverfahren über die Universitäten vergeben.
Im ersten Stock des Stadshuset befinden sich die Amtszimmer und auch der Rådsalen, in dem sich die Stadtverordnetenversammlung an jedem dritten Montag trifft. Dieser Saal hat einen bemerkenswerten Dachstuhl: Auch hier änderte der Architekt während des Baus kurzerhand seine Meinung, strich die flach geplante Decke und ließ den Dachstuhl praktisch roh. Dies verleiht dem Saal etwas sehr wikingerhaftes, denn der offene Dachstuhl lehnt sich ganz klar an die Bautradition der Wikinger an. Dies erstreckt sich bis hin zum – hier nur simuliert – offenen Dach, das bei den Wikingern den Kamin darstellte: Hier sollte es im Sinne des Architekten symbolisieren, dass alles, was im Rådsalen besprochen wird, über das offene Dach hinausgelangen kann; dass hier also offene und nicht geheime Politik gemacht wird.
Größtes Schmuckstück ist jedoch sicherlich der Goldene Saal, in dem beispielsweise bei der Nobelfeier zum Tanz aufgespielt wird. Auf den ersten Blick ist nicht genau erkennbar, was erst bei näherem Hinschauen auffällt: Sämtliche Motive an den Wänden sind als Mosaik aus unglaublichen 18 Millionen Steinchen zusammengesetzt.
Um die Kosten im Griff zu halten, sind die Steinchen aber nicht vollständig aus Gold, sondern aus zwei Glasplättchen zusammengesetzt, zwischen denen sich Blattgold befindet. Dennoch wurden im gesamten Raum stolze 10 Kilo reines Gold verbaut – unter erheblichem Zeitdruck, denn dem ausführenden Künstler wurden statt der von ihm veranschlagten sieben Jahre lediglich zwei Jahre für die Umsetzung zugestanden. Das führte hier und da auch zu einigen kleineren und größeren Fehlern im Mosaik, bis hin zu einem durch die Decke “geköpften” Reiter – der kurzerhand in eine historische Figur umgedeutet wurde, die auch in der Geschichte geköpft und somit im Mosaik korrekt dargestellt wurde.
Noch eine kleine Anektote am Rande: Im Stadshuset kann man sich auch trauen lassen. Und das gilt nicht nur für Schweden – es muss nur rechtzeitig vorher angemeldet werden. Verständlicherweise sind die Wartelisten lang, so dass man nur noch die Auswahl zwischen einer kurzen und einer langen Trauungszeremonie hat – wobei die lange ganze drei Minuten dauert (die kurze liegt bei 30 Sekunden). Man sollte sich hier seiner Sache also wirklich sicher sein, denn für Zögern ist hier keine Zeit mehr. :-)
We went insane … four times
12. August 2009
Nun gut, ausgerechnet ein T-Shirt mit der Aufschrift “I WENT INSANE”, das mit der schönen Doppeldeutigkeit aus “Ich wurde verrückt” und “Ich bin INSANE gefahren” spielt, ist sicherlich nicht das königlichste Erinnerungsstück, das in mein Gepäck wandern wird, aber sicherlich das lustigste. Und, Himmel, diese Bahn ist lustig. Man fährt vorwärts, man fährt rückwärts, man überschlägt sich, man fällt spontan einige Meter nach unten und erlebt dabei etliche Airtimes … Thorsten brachte es, Sekunden vor der ersten Abfahrt, auf den Punkt: Er blickte zu mir herüber und fragte breit grinsend: “Wieso machen wir das hier eigentlich?” – aber der Adrenalinkick war Antwort genug. Wer einen kleinen Eindruck von der Fahrt haben will, kann sich ja mal dieses Video in der Du-Röhre anschauen – in der ersten Hälfte streckenweise Kameramitfahrten; in der zweiten fährt der Gröna-Lund-Chef dann selbst. ;-)
Ich kann nicht genug betonen, wie einmalig die Kulisse ist – ein Freizeitpark direkt vor der Stadt, und das noch dazu bei Sonnenuntergang. Das nebenstehende Kettenkarussell, das sich zu drei Vierteln über der Wasseroberfläche bewegt, sind wir natürlich auch mal gefahren – zur Entspannung zwischendurch. Ich hatte ja schon erwähnt, dass Gröna Lund eine Mischung aus Freizeitpark und Jahrmarkt ist: Es kostet zwar Eintritt, aber die Fahrten kosten auch nochmal ein paar “Kupongs”. Da uns klar war, dass wir uns hier nicht mit “naja, jede Bahn einmal” zufrieden geben werden, haben wir uns ein “åkband” zugelegt, ein Armband, das alle Fahrten zum Pauschalpreis ermöglicht. Das hat sich auch durchaus gelohnt. :)
Neben Insane bietet Gröna Lund noch einen Inverted Coaster (für die weniger eingeweihten: Bei einem Inverted hängt man unter den Schienen, statt in einem Wagen darauf zu fahren, und die Beine baumeln frei), der allerdings recht gemächlich fuhr, und außerdem noch zwei klassische Achterbahnen: “Vilda Musen” und “Jetline”. Vilda Musen heißt zwar Wilde Maus, hat von jener (einer klassischen Jahrmarktsachterbahn) aber nur einige Elemente und ist ansonsten frei gestaltet. (Kennzeichen der “Wilden Maus” ist, dass sich die Bahn absichtlich nicht “in die Kurve legt”, sondern die Strecke absolut plan verläuft, dabei aber sehr enge Kurven schlägt – was einen schönen Effekt in Richtung “Wir fliegen gleich aus der Kurve!” ergibt.)
Beide Bahnen machen sehr viel Spaß, und besonders reizvoll an den beiden Bahnen ist, dass sie aus Platzgründen eng ineinander verschlungen sind. Gröna Lund liegt ja nun auf einer Insel – da ist anbauen eben nicht so einfach möglich. Von daher ist Insane auch konsequent: Die Bahn kommt mit einer minimalen Grundfläche aus, da sie praktisch nur senkrecht in die Höhe geht. Man kann sie nebenbei sowohl vorwärts als auch rückwärts fahren – wir haben beides je zweimal gemacht. Das war in jedem Fall ein aufregender Abschluss …
… unseres vorletzten Tags. Morgen früh wollen wir zum Frühstück nochmal auf den Kaknästornet und einen Cappuccino mit Ausblick genießen, und das historische Museum steht noch auf dem Plan – dann heißt es langsam Abschied nehmen …
Tom Tits Experiment
12. August 2009
“Tom Tit” ist ein Pseudonym des französischen Autors Arthur Good, der Ende des 19. Jahrhunderts ein Experimentierbuch namens ”La Science Amusant par Tom Tits” veröffentlichte, das wenige Jahre später auch ins Schwedische übersetzt wurde.
Rund hundert Jahre später fand in der Kunsthalle von Södertälje eine Experimentierausstellung statt, die sich im Gedenken an Arthur Good “Tom Tits Experiment” nannte – und ein voller Erfolg wurde. Aus dieser Ausstellung ging schließlich eine dauerhafte Einrichtung hervor, die nur wenige Jahre später ebenfalls in Södertälje aufgebaut wurde – und der wir heute einen Tagesausflug gewidmet haben.
Um es vorwegzunehmen: Das Experimentegelände ist riesig, und bei rund 600 Experimenten zum selbst ausprobieren reicht sicherlich ein einziger Tag nicht aus, um sich jedem angemessen zu widmen. Zu einem Haus mit vier großen Etagen mit jeweils thematisch gruppierten Bereichen gehört noch ein riesiger Garten, und man merkt, dass hier geklotzt und nicht gekleckert wurde: Freier Fall? Klar, da bauen wir einen (kleinen) Free-Fall-Tower wie auf dem Jahrmarkt. Das Grundwasser erklären? Da wird ein Windrad mit Pumpe gebaut, das leistungsfähig genug ist, die gesamte Anlage mit Wasser zu versorgen, und macht auch gleich die Grube bis hinunter zum Grundwasserspiegel begehbar. Mal in die Luft gehen? Dann bauen wir doch im Garten gleich einen Heliumballon mit 22 Metern Durchmesser, der 200 Meter in die Luft steigen kann. Allein im Außenbereich finden sich rund 100 kleinere und größere Experimente – naja, eher größere. Man kann mit einem Fahrrad die Wand hochfahren oder über ein gespanntes Drahtseil, man kann sich, um moderne Robotertechnik zu demonstrieren, von einem riesigen Roboterarm in einem Achterbahnsitz durch die Gegend schnellen lassen oder ein überdimensionales Jojo in Schwung bringen, von dem man sich letzten Endes selbst bis zu vier Meter über den Boden heben lassen kann.
Der Eintrittspreis von umgerechnet gut 20 Euro für Erwachsene ist schon ein stolzer Preis, aber die Anlage ist, verglichen beispielsweise mit dem Bremer Universum oder noch eher mit dem etwas ähnlicheren Wiesbadener Schloss Freudenberg einfach auch viel größer und bietet enorm viel. Wir hatten hier den ganz Tag über sehr viel Spaß, auch wenn die Hauptzielgruppe sicherlich eher Eltern mit Kindern sind. An mehreren Stellen im Gebäude gibt es auch Vorführräume, ein kleines Chemielabor und allgemein noch einige Schau-Veranstaltungen, an denen wir mangels ausreichender Schwedischkenntnisse dann aber nicht teilgenommen haben.
Auch die Fahrt mit dem “Pendeltåg” (einer Art S-Bahn) ins etwa 40 Kilometer entfernte Södertälje verlief völlig problemlos, was mich daran erinnert, dass ich noch ein kleines Loblied auf den städtischen Nahverkehr singen wollte. Erstens, weil das U-Bahn-System total simpel ist. Es sind zwar sieben verschiedene Linien, aber im Innenstadtbereich laufen viele parallel, und so hat man die Linien farblich nach ihren Innenstadtstrecken in rot, blau und grün gruppiert. Wenn wir also aus der Innenstadt zu unserer Jugendherberge fahren, reicht es aus, “die grüne Linie” zu nehmen, ganz egal in welche finale Richtung sie fährt. Die genaue Linie muss nur beachten, wer weiter in einen der Randbezirke der Stadt will. Zweitens: Die Züge fahren häufig und lange. Der Normalzustand ist, in die Station zu kommen und binnen zwei Minuten einsteigen zu können. Hier kommt günstig die Gruppierung der Linien zum Tragen: So fasst zum Beispiel unsere grüne Linie letztlich drei verschiedene Linien zusammen. Jedes Ziel wird im Viertelstundentakt angefahren, und die Ziele sind um 5 Minuten verschoben. Ergo hat man selbst für Fahrten in die Außenbereiche maximal eine Viertelstunde Wartezeit, und im Innenstadtbereich maximal 5 Minuten. Verspätungen hatte wir nicht ein einziges Mal zu beklagen, und wir sind wirklich oft U-Bahn gefahren. Und drittens: Die Züge fahren äußerst ruhig, ruckeln praktisch nicht, es quietscht nie so nervenaufreibend wie daheim in den S-Bahnen des RMV, und die aktuellsten Wagengenerationen sind unter der Erde mit stolzen 80-90 km/h unterwegs.
(Der Busverkehr hingegen ist unglaublich schwer zu verstehen. Es gibt zwar einen Liniennetzplan. Auf dem stehen zwar alle Linien drauf. Aber es gibt dutzende Linien – und alle haben die gleiche Farbe. Hier und da zeigen kleine Fähnchen an der Linienführung, um welche Linie es sich handelt – aber im Wirrwarr der sich kreuzenden Strecken die richtige zu finden, ist schon eine Kunst. Haltestellen sind nebenbei überhaupt nicht eingezeichnet – nur die Linienführung. Das wäre halb so schlimm, aber: Auch die Abfahrtspläne an den Haltestellen tragen nur das Ziel und mit etwas Glück noch die eine oder andere wichtige Haltestelle zwischendurch, aber keine vollständige Liste. So bleibt oftmals nur, dem Busfahrer zu sagen, wo man hin will, und ihn zu fragen, wo man dafür dann aussteigen muss.)
Riddarholmskyrkan, Armémuseum und Moderna Museet
11. August 2009
Der restliche Tag stand noch einmal im Zeichen verschiedener Sehenswürdigkeiten. Zunächst zog es uns auf die Insel Riddarholmen, die zusammen mit Gamla Stan den ältesten Teil Stockholms darstellt. Hier finden sich vornehmlich öffentliche Einrichtungen, Gerichte, und eben auch die Kirche von Riddarholmen. Sie hat seit Anfang des 19. Jahrhunderts keine eigene Gemeinde mehr, sondern wird ausschließlich als Begräbniskirche genutzt – mehrere Dutzend Mitglieder des schwedischen Königshauses liegen hier, darunter auch der vorhergehende König von Schweden, Gustav V., der 1950 verstarb.
Auffällig ist, dass die Kirche immer wieder angebaut werden musste, um weitere Mitglieder der Königsfamilie unterzubringen: Auf jeder Seite befinden sich mehrere Kapellen, jeweils nach dem dort liegenden Königsgeschlecht benannt, in denen sich dann die Särge befinden, und dort aus Platzgründen sowohl unter- als auch oberirdisch.
Aus der Kirche kommend kündigte sich dann immer deutlicher Regen an. Da aufgrund des heute beginnenden Stockholmer Kulturfestivals diverse Innenstadtbusse nicht mehr fahren konnten, hätten wir somit zu Fuß im Regen zum Moderna Museet laufen müssen. Wir haben daher kurzerhand umdisponiert und das auf dem Weg liegende Armémuseum eingeschoben, das die Geschichte von Schweden in Krieg und Frieden seit der Wikingerzeit zeigt. Einerseits: Das Museum ist extrem aufwendig gemacht, zeigt viele realistische Szenen mit Puppen modelliert, setzt sinnvoll verschiedenste Medien zur Präsentation ein und ergänzt das alles mit einem ausführlichen Museumsführer, der (im Gegensatz zu den meisten anderen Museen) auch komplett auf Deutsch übersetzt vorhanden ist. Andererseits: Irgendwie ist die Geschichte der Armee so ziemlich das Langweiligste, das uns untergekommen ist. Daran konnten auch die Sonderexponate zur “Pride Week”, die hier vor zwei Wochen stattfand, nicht viel ändern, zumal wir uns auch nicht so recht erklären können, weshalb ein Museum einen “queeren” Blick auf die Materie bedingt (”queer” scheint hier in Schweden das gebräuchlichste Wort zu sein, wenn es um schwul-lesbische Themen geht). Am bemerkenswertesten fand ich noch, dass die Armee ja typischerweise als besonderer Hort von Diskriminierung gilt und von daher die Zusatzexponate auf einige vielleicht auch provozierend wirken könnten. Andererseits ist das vielleicht auch eine sehr deutsche Sichtweise bzw. Sorge, die hier in Schweden einfach nicht so geteilt wird – es war durchaus auffällig, wieviele Einrichtungen und auch Museen sich anlässlich der Pride Week mit eigenen Aktionen beteiligt haben: Der Arlanda Express verteilte während der Pride Week an alle Pärchen kostenlose Pride-T-Shirts, das Moderna Museet bietet neben dem schwedischen, englischen und deutschen Audioführer nun auch einen englischsprachen “queeren” Führer an, der ausgewählte Kunstwerke aus “anderer” Perspektive betrachtet – manchmal erschien es schon fast etwas an den Haaren herbeigezogen.
Als wir dann schließlich im Moderna Museet angekommen waren, waren wir von Eindrücken eigentlich schon ganz übersättigt. Nicht zuletzt, da nur die wenigsten Exponate vom deutschen Audioführer erläutert wurden, blieb unser Blick eher oberflächlich. Entsprechend müde haben wir den Abend dann ausklingen lassen.
Fjärilshuset im Hagaparken
11. August 2009
Den Dienstag haben wir im Fjärilshuset, dem Schmetterlingshaus, begonnen. Hier wurde in einer ganzen Reihe von Gewächshäusern ein Tropenwald aufgebaut, in dem Hunderte von Schmetterlingen unterwegs sind – man läuft einfach mitten zwischen ihnen hindurch. Besonders bemerkenswert sind die annährend handtellergroßen Exemplare, die sich aber konsequent der Kamera entzogen haben. Interessant sind auch die Puppen in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen, die säuberlich aufgereiht an Holzstäben hier und da aufgehängt wurden: Von jungen Puppen über schlüpfende Schmetterlinge bis zu Exemplaren, die dabei sind, ihre Flügel erstmalig zu entfalten, ist alles dabei.
Das Fjärilshuset liegt im Hagaparken, einem Park, der als englischer Garten angelegt wurde. Auch wenn die Sonne sich schon langsam verziehen wollte, haben wir noch eine Runde quer durch den Park gedreht. Die Anlage stammt aus dem 18. Jahrhundert und umfasst verschiedene Tempel, aber auch das Schloss Haga: Hier ist unter anderem der derzeitige König von Schweden geboren worden. Heute ist das Schloss der Wohnsitz der Kronprinzessin und ihres Verlobten.
Ikea und Bergianska Trädgården
10. August 2009
Ein bisschen schämen wir uns ja dafür, am Urlaubsort ausgerechnet ein Ikea aufzusuchen. Ich nehme Thorsten gerne in Schutz: Dieses Vorhaben ist auf meinem Mist gewachsen. Aber die Neugierde hat nun mal gesiegt, sich das nicht nur älteste, sondern auch größte Ikea-Haus der Welt anzuschauen.
Um es gleich vorwegzunehmen: So besonders war’s nun auch wieder nicht. Vom Gebäude hatte ich mir mehr versprochen; immerhin heißt es, der Architekt habe sich das New Yorker Guggenheim-Museum zum Vorbild genommen, sprich: Ein rundes Gebäude mit spiralförmigem Interieur – hier im Original, die Fälschung in der Ikea-Firmenhistorie (zu 1965 scrollen). Im Inneren hat das Gebäude aber nichts von der Weitläufigkeit des Guggenheim-Museums und ist unverkennbar als eher langweiliger 70er-Jahre-Bau zu erkennen. Nicht mal die Größe fand ich sonderlich beeindruckend: Etwa zwei Drittel der Fläche befinden sich gar nicht im Pseudo-Guggenheim, sondern in der nachträglich angebauten Lagerhalle.
Viel spannender hingegen war der kostenlose Shuttlebus, der uns aus Stockholm ins rund 15km entfernte Huddinge brachte: Das war nämlich ein deutscher Bus. Noch richtig mit “Wagen hält”-Anzeige und allem was dazugehört. Nur handelte es sich ganz offensichtlich um ein schon lange ausgemustertes Modell, bei dem sich diverse Haltestangen schon nicht mehr in ihren Halterungen befanden oder millimeterdick mit Klebeband “fixiert” waren. Hatte dieser Bus jemals eine Klimaanlage besessen, so war sie schon lange außer Betrieb, obwohl sie angesichts der Horden an Leuten, die sich sitzend und stehend in den Bus quetschten (auf der Rückfahrt noch mit reichlichen und zum Teil auch voluminösen Einkäufen) unbedingt vonnöten gewesen wäre. “Utan luft” hat jemand handschriftlich auf dem Fahrplan am Fenster ergänzt: Der Ikea-Pendelbus, ohne Luft. So blieb nur die laue Belüftung durch die beiden Dachluken, die ja gemeinhin auch als Notausstieg zu benutzen sind – Thorsten fiel sofort auf, dass beide mit einer Metallplatte verschraubt worden waren, so dass sie sich im Notfall nicht mehr öffnen ließen – gruselig! Vor allem, wenn man bedenkt, woher das Gewerbegebiet, in dem Ikea steht – Kungens Kurva, die Königskurve – ihren Namen hat: Hier hatte König Gustav V. im Jahr 1946 nämlich einen Autounfall (wenngleich der Wagen “nur” im Graben landete und niemand verletzt wurde).
Entspannend war es allerdings, einmal durch Ikea zu laufen, in dem festen Wissen, heute hier nichts zu kaufen, nicht mal dieses süße kleine … oder dieses praktische … oder … :-)
Den restlichen Tag haben wir im Bergianska Trädgården verbracht, einem ziemlich groß angelegten botanischen Garten im Norden Stockholms – mit Lesen und Vorlesen. Im Zentrum befindet sich ein riesiges Gewächshaus, das zwar leider schon geschlossen hatte, aber auch schon vom Äußeren her beeindruckte. Im hinteren Teil grenzt der Park wieder einmal ans Wasser und verschafft so inzwischen schon fast gewohnte Ansichten – aber es ist schwer vorstellbar, wie man derer überdrüssig werden könnte, zumal heute voraussichtlich unser letzter richtiger Sonnentag war – ab morgen sind, bis zum Ende unseres Urlaubs, viele Regenschauer angesagt. Drückt uns die Daumen, dass es nicht zu trübe wird!
Sergels Torg
9. August 2009
Bevor er unerwähnt bleibt: Man kann sich kaum durch die Stadt bewegen, ohne nicht früher oder später am Sergels Torg vorbeizukommen. Hier treffen sich mehrere Hauptverkehrsstraßen, hier liegt eine zentrale U-Bahn-Station, hier fahren zig Buslinien. Und in der Mitte, nein, etwas seitlich der Mitte, steht dieser Turm aus dicken Glasbausteinen, der nachts von innen heraus leuchtet. Umgeben wird der Sergels Torg auf der einen Seite vom auch für seine Architektur oft hochgelobten Kulturhuset; auf der anderen Seite dominieren mittelgroße graue Bürohochhäuser. Böse Zungen sagen, der Sergels Torg demonstriere, dass es in Stockholm keines Kriegs bedurft habe, um die Innenstadt zu zerstören – das hätten die Architekten auch alleine geschafft.
Der Sergels Torg ist noch aus einem anderen Grund bemerkenswert: Die Hauptfläche des Platzes ist ein Loch, oder besser gesagt: Eine untere Etage. Von hier aus gelangt man in eine “zweite Innenstadt”, denn das gesamte Areal unter dem Sergels Torg ist untertunnelt, und das geschäftliche Treiben dort ist zuweilen größer als das überirdische. Der Brunnen rund um die Glassäule hat in seinem Boden übrigens über ein Dutzend große Glasscheiben, die im Untergeschoss für Tageslichtbeleuchtung sorgen – und für ein schönes Lichtspiel, wenn das Wasser des Brunnens, das von den Fontänen stets in Bewegung gehalten wird, das Sonnenlicht wellenartig nach unten leitet.
Apropos Verkehr: Es ist richtig auffällig, in welchem Maße in der Stadt auf umfeltfreundlichen Verkehr gesetzt wird. Kaum ein Bus, der nicht mit “Etanolbuss” oder “Biogasbuss” markiert ist; gefühlt ist jedes zweite Taxi ein Toyota Prius (also ein Hybrid-Auto). An jeder Ecke ist zu sehen, wie sich Stockholm ins Zeug gelegt hat, um als erste Stadt den Titel “European Green Capital 2010″ zu verdienen. Und das nicht nur im Bereich des Verkehrs: In der ganzen Stadt finden sich immer wieder Sammelstationen für Mülltrennung, auch in Parks stehen häufig getrennte Mülleimer bereit; selbst bei mAx, dem schwedischen McDonalds-Pendant (McDonalds gibt es hier natürlich auch, aber Umfragen zufolge macht mAx die besseren Burger) wird man aufgefordert, seinen Müll ordentlich zu trennen – und jedes Menü trägt einen Vermerk, wieviel CO2 für seine Herstellung aufgewendet werden musste, natürlich nicht ohne den Hinweis, dass mAx im gleichen Umfang Klimaschutzprojekte unterstützt.
Dass hier manchmal auch mehr Schein als Sein herrscht, zeigt sich nicht zuletzt im inflationären Gebrauch des Worts klimatsmart – Umweltschutz ist hip, und kein Unternehmen, das etwas auf sich hält, kann es sich leisten, darauf zu verzichten: So werden schnell manche Dinge als klimaschutzfreundlich deklariert, die es bei genauerem Hinsehen vielleicht gar nicht so sehr sind.
Grinda
9. August 2009
Heute stand ein richtiger Sonntagsausflug auf dem Programm: Eine Fahrt in den Schärengarten. Zur Erinnerung: Das ist der Haufen von 24.000 bis 30.000 Inseln (je nachdem, wen man fragt), die großzügig vor der Provinz Stockholm und den umliegenden Gegenden im Wasser verteilt liegen.
Etliche Fährunternehmen schlagen sich um die Reisewilligen; viele bieten auch Monats- oder Insel-Hopping-Karten an. Für besserverdienende Stockholmer gehört ein Sommerhäuschen auf einer der Inseln auf jeden Fall dazu, und jene Sommerhäuschen möchte man dann ja schließlich des öfteren erreichen. Das Gros der Inseln ist aber ausschließlich per “Wassertaxi”, per Charterfahrt oder natürlich mit dem eigenen Boot erreichbar; die Fähren fahren ausschließlich die größeren Inseln an, auf denen meist auch einige Leute wohnen oder auch gleich eine Jugendherberge, Gästepensionen oder gar Hotels liegen. Befindet man sich auf einer der kleineren Inseln, ist es ratsam, am Anlegeplatz ein entsprechendes Symbol aufzuklappen, das der Fähre signalisiert, dass hier jemand ist, der mitfahren möchte – ansonsten läuft man Gefahr, dass die Fähre einfach vorbeifährt. Aus diesem Grund sind die Fahrtzeiten der Fähren auch mit Vorsicht zu genießen, zumal ja auch noch Wind und Wetter die Fahrt beeinträchtigen könnten.
Etwa 15% des Schärengartens werden von der Schärenstiftung verwaltet, die sich um Pflege und Aufrechterhaltung der Naturreservate kümmert. Die restlichen 85% sind Privatbesitz. Das bedeutet aber nicht, dass man jene Schäreninseln nicht ebenfalls besuchen könnte, denn in ganz Schweden gilt das sogenannte allemansrätten (Jedermannsrecht), das in ähnlichen Formen übrigens auch in Schottland und in der Schweiz gilt. Es verleiht vereinfacht gesagt jedem das Recht, “die Natur zu genießen und ihre Früchte zu nutzen, unabhängig von den Eigentumsverhältnissen am jeweiligen Grund und Boden” (Wikipedia). Es gilt aber grundsätzlich, den Hausfrieden zu respektieren, die Natur zu schützen und insbesondere keine Jagd auf Tiere zu machen. Konkret bedeutet dies beispielsweise, dass man durchaus auch über private Wiesen und Felder laufen darf, solange man hierbei nichts beschädigt, also auf Feldern beispielsweise nur die vorgesehenen Wege benutzt. Auch Übernachten in freier Natur wird durch das Jedermannsrecht erlaubt, und zwar sogar auf privatem Grund – solange man nur 1-2 Nächte bleibt und natürlich den Hausfrieden wahrt, also insbesondere nicht in der unmittelbaren Sichtweite des Wohnhauses zeltet. Speziell für Wassergebiete wie den Schärengarten gilt, dass überall gebadet, gepaddelt, gerudert, gesegelt und – speziell in Schweden – auch mit dem Motorboot gefahren werden darf und auch überall angelegt werden darf, solange es sich nicht um ein ausdrücklich als solches gekennzeichnetes Privatgrundstück handelt. Angler können sich darüber freuen, dass sie weder im Schärengarten noch im Mälarsee und einigen weiteren großen Seen Schwedens einen Angelschein benötigen.
Nachdem wir verschiedene Prospekte gewälzt haben, haben wir uns für eine Insel entschieden, die mittendrin im Schärengarten liegt: Grinda. Je weiter man nach außen fährt, desto kleiner und flacher werden die Inseln – die Inseln der Gartenmitte zeichnen sich dadurch aus, eine schöne Mischung aus mehr oder weniger hohen Felsen, Nadelwäldern und Sandstränden zu bieten. Wir hatten auch mit dem etwas näher gelegenen Vaxholm geliebäugelt, aber als unsere Fähre auf der Fahrt nach Grinda kurz dort anlegte, fühlten wir uns darin bestätigt, gut entschieden zu haben: Bereits direkt am Ufer stapeln sich ein Hotel und unzählige Buden, umgeben von haufenweise Touristen. Grinda hingegen gilt als Badeausflugsinsel für Stockholmer, und wie vermutet, herrschte hier wirklich Ruhe, obwohl wir beleibe nicht allein auf der Insel waren. Schnell verliefen sich die Besucher durch die engen, verschlungenen Wege durch den märchenhaften Wald, die immer wieder auch auf kleine oder auch größere Steinplateaus führten, von denen man aus einen Blick für die enorme Weite der Umgebung haben konnte.
Letztlich haben wir mit Hin- und Rückfahrt sowie dem Aufenthalt dort eigentlich den ganzen Tag verbracht – ein Sonntag, wie er im Buche steht.
Fototechnisch gibt es wenig Aufregendes: Himmel, Wasser, Bäume, Felsen – in allen möglichen Kombinationen. Sicherlich können sie die Schönheit Grindas nur unzureichend widergeben – aber diesen Anspruch haben wir schließlich auch gar nicht. Wir empfehlen: Selber herkommen! :-)
Djurgården – zu Fuß
8. August 2009
Uns war heute einfach nach Laufen, und so beschlossen wir, Djurgården noch ein weiteres Mal zu besuchen – groß genug für mehrfache Erkundungen ist die Insel allemal.
Durch ein großes leuchtend blaues Portal links der Djurgårdsbron gelangt man binnen weniger Meter in die riesige Parkanlage. Als erstes stolperten wir über den natürlichen Rasenmäher des Parks: Dutzende von Wildgänsen fressen sich schrittchenweise über das Gras. Wenn es es leise ist, hört man das konstante Rupfen rings um sich herum. Natürlich sind die Wildgänse Publikum längst gewöhnt und lassen sich in keinster Weise von Fußgängern oder Radfahrern davon abhalten, quer über die Wege zu watscheln.
Sicherlich laufe ich bereits Gefahr, euch zu langweilen, aber … dieser Ausblick! Ganz hinten im Bild seht ihr den Kaknästornet, den wir ja kürzlich bereits besucht haben. Man verfällt leicht in den Gedanken, dass man es hier mit einem großen See zu tun hat, aber zur Erinnerung: Die östlichen Inseln Stockholms liegen alle direkt in der Ostsee. Ganz Djurgården ist von Fußwegen durchzogen; natürlich auch direkt am Ufer entlang. Alle Museen und auch Gröna Lund befinden sich auf der Südseite der Insel; lediglich Skansen ragt weiter ins Inselinnere hinein. Im hinteren Teil finden sich schließlich Kunstgalerien, Lustschlösschen, Zeltmöglichkeiten und natürlich die obligatorischen Bootsanlegestellen.
Hier sind wir schließlich am äußersten östlichen Ende der Insel angelangt. Die kleine grüne Insel in der Bildmitte ist eine der beiden Fjäderholmarna, die ich bereits erwähnt hatte. Während im Stadtbereich hauptsächlich Motorboote an den Stegen liegen, mehren sich hier die Segelboote – schlicht weil nun keinerlei Brücken mehr zu unterfahren sind, um in den Schärengarten hinauszukommen.
Ganz am äußersten Ende der Insel beginnt die Buslinie 69 – deren entgegengesetzes Ende Fridhemsplan ist, wo unsere Jugendherberge liegt. Nach einem Tag langer Fußmärsche haben wir uns somit ganz bequem bis (fast) vor unsere Tür nach Hause fahren lassen können.
Stadsmuseum und Södermalm
8. August 2009
Der Samstag begann für uns mit einer kleinen Panne. Eigentlich wollten wir nämlich heute zu Ikea. Das hat natürlich auch am Samstag geöffnet. Außerdem sponsort Ikea einen kostenlosen Pendelbus, der direkt in der Innenstadt nähe des Sergels Torg startet und einen über die Autobahn zum etwas außerhalb gelegenen Einrichtungshaus bringt. Dass jener Bus hingegen nicht am Samstag fährt … haben wir wohl überlesen. So haben wir kurzerhand umdisponiert und uns auf den Weg zum Stadsmuseum gemacht, in dem die Geschichte der Stadt Stockholm mit vielen Exponaten und – aus jüngerer Zeit – auch Fotografien gezeigt wird.
Das Stadsmuseum selbst ist ein wunderschöner historischer Bau, was sich auch außerhalb der Ausstellungsräume (in denen leider nicht fotografiert werden durfte) zeigt. Links zum Beispiel seht ihr das gemütliche Museumscafé, in dem man sich ganz in andere Zeiten versetzt fühlen kann.
Erstaunlich fanden wir, dass Stockholm viele Jahrhunderte hinweg ausschließlich aus der kleinen Insel bestand, die heute Gamla Stan, die Altstadt, ist – und dann aber zwischen 1610 und 1680 bevölkerungsmäßig regelrecht explodierte: Die Einwohnerzahl Stockholms versechsfachte sich innerhalb von nur 70 Jahren. In dieser Zeit, im Jahr 1643, wurde Stockholm auch zur Hauptstadt Schwedens. Die Inseln Östermalm und Kungsholmen wurden eingemeindet. Seitdem wuchs die Bevölkerung stetig an, obwohl Stockholms wirtschaftliche Stellung zurückging. Die Stadt bemühte sich aber sehr, ihre Position als Kulturzentrum auszubauen, wozu auch gehörte, renommierte Bildungseinrichtungen in die Stadt zu holen. Heute ist Stockholm der Sitz von 16 Hochschulen, und die Zahl der Museen und Theater ist deutlich dreistellig.
Das Stadsmuseum liegt direkt an Slussen, der Schleuse, die Mälarsee und Ostsee miteinander verbindet. Schaut euch doch mal dieses Bild an (nicht vom spanischen Titel irritieren lassen – es ist wirklich Stockholm), das diesen Verkehrsknotenpunkt in der “blauen Stunde” kurz vor Sonnenuntergang zeigt. Wenn ich mich nicht täusche, müsste es von Katarinahissen aus aufgenommen sein, einem uralten freistehenden Aufzug, der einen auf die Aussichtsplattform bringt – und damit gleichzeitig auf das deutlich höher gelegene Södermalm.
Wir haben Södermalm heute dann aber zu Fuß über etliche kleine Treppen und steile Gassen erklommen. Hier finden sich auch noch Teile der Altstadt, und durch die hohe Lage hat man durch viele Gassen hindurch immer wieder Blick aufs Wasser und auf die anderen Inseln, wie nebenstehend. Und was fängt man im 16. Jahrhundert mit so einem wunderbaren Ausblick an? Naheliegend: Hier wurden Verurteile gehängt – nämlich genau dort, wo man auch aus der weiter entfernt liegenden Stadt stets einen guten Blick auf die dort Hängenden haben konnte, als Mahnung, stets ein guter und königstreuer Bürger zu sein. Insofern wurde der gut Ausblick hier genau andersherum interpretiert und für die eigenen Zwecke benutzt.
Auf Södermalm befindet sich übrigens auch das kleinste Haus der Stadt – hier wohnten die Ärmsten der Armen.
Hier begannen wir dann auch wieder unseren Abstieg in Richtung Wasseroberfläche, denn wir wollten heute Djurgarden noch einmal erkunden – diesmal aber zu Fuß, und vor allem den nördlichen Teil, der hinter Skansen liegt und den weitaus größten Teil der Insel ausmacht. Hierzu gleich mehr!
Kanaltour und Gröna Lund
7. August 2009
Für den Abend des erkundungsreichen Tags haben wir uns noch eine ruhigere Aktivität vorgenommen: Eine Bootstour durch das historische Stockholm, die uns um die Insel Kungsholmen führte, auf der auch unsere Jugendherberge liegt.
Im 13. Jahrhundert wurde die Insel von franziskanischen Mönchen bewohnt und hieß dementsprechend auch Mönchsinsel. Im 30jährigen Krieg hat der König sich das Lehen zurückgeholt und die Franziskaner vertrieben – ein neuer Name musste her. Nachdem es in der Zwischenzeit bereits Riddarholmen, die Ritterinsel, und Drottningholm, die Königinneninsel, gab, bot sich Kungsholmen, die Königsinsel, förmlich an.
Das Wasser Stockholms stammt nicht nur aus der Ostsee, sondern auch aus dem im Landesinneren gelegenen Mälarsee. Eine der verbindenden Schleusen ist Slussen, die Innenstadt-Schleuse, die gleichzeitig ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt ist. Kungsholmen gehört zu den Inseln, die noch im Mälarsee – der so sauber ist, dass man sein Wasser problemlos trinken kann; faktisch bezieht “Stockholm Vatten”, der lokale Wasserversorger, sein Trinkwasser aus dem Mälarsee.
Wo immer das Ufer von Kungsholmen bebaut ist (und das ist fast überall der Fall), gibt es auch Stege. Das Touristenboot schlängelt sich enge Kanäle, rechts und links sitzen Menschen auf ihren Booten, grillen oder springen kurzerhand ins Wasser. Die Stockholmer sind sehr stolz darauf, dass man praktisch überall in der Stadt einfach so schwimmen gehen kann, solange man natürlich darauf achtet, sich nicht vors nächste Ausflugsboot zu werfen. Insbesondere Kinder hatten offensichtlich großes Vergnügen daran, dem herannahenden Ausflugsboot zu winken, um dann, wenn es ihre Höhe erreicht hatte, kopfüber ins Wasser zu springen.
Und natürlich die Boote. Rund eine Million Boote liegen an den Stegen Stockholms. Zum Vergleich: Die Stadt Stockholm hat nur knapp 800.000 Einwohner; die gesamte Provinz Stockholms rund zwei Millionen. Soll heißen: Wenn man es sich schon leisten kann, hier zu wohnen, darf das eigene Boot offensichtlich nicht fehlen.
Dementsprechend haben sich viele auch auf den umfangreichen Bootsverkehr eingestellt: Etliche Restaurants und natürlich auch der Freizeitpark Gröna Lund haben eigene Anlegestellen mit separaten Eingängen für private Boote. (Das Boot, das hier gerade anlegt, heißt übrigens “Selma” – viel Grüße!)
Eigentlich wollten wir es heute abend im Park richtig rund gehen lassen. Aber, was soll ich sagen: Wir waren ziemlich groggy ;-) und haben es aus diesem Grund dabei belassen, einfach eine Stunde durch den Park zu schlendern und uns anzuschauen, was es dort so gibt. Denn neugierig waren schon; dagegen kann die stärkste Müdigkeit nichts ausrichten, und der Eintritt in den den Park war ohnehin in unserer Karte inklusive, die mit dem heutigen Tag dann auch ablief. Ungewöhnlich für einen Freizeitpark ist, dass der Eintritt recht günstig ist (ca. 7 Euro – die meisten Freizeitparks liegen eher so um die 30-35 Euro). Dafür kosten dann aber die einzelnen Attraktionen jeweils noch etwas, es sei denn, man kauft sich ein Armband, mit dem dann alles inklusive ist – dann ist man entsprechend auch wieder beim Preis eines “normalen” Freizeitparks.
Wie gesagt, wir waren sehr groggy, und so haben wir den Tag nach dem kleinen Rundgang dann in Ruhe ausklingen lassen.
Kungsliga Slottet und Storkyrkan
7. August 2009
Um die Mittagszeit nahmen wir an einer Führung durch das königliche Schloss teil. Dessen riesige Anlage gehört zweifelsohne zu den dominierenden Ansichten der Stockholmer Altstadt. Wie auch schon mit der Vasa hatten die Stockholmer auch mit dem Schloss nicht gerade viel Glück: Das ursprüngliche Gebäude, die Burg “Tre Kronor” (drei Kronen), sollte ab 1672 im italienischen Stil als repräsentatives Schloss umgebaut werden. Doch kaum war die zum Wasser gewandte Nordseite fertig, brannte die Anlage fast vollständig nieder – bis auf die Nordseite. Im Lauf der nächsten Jahrzehnte wurde sie dann wieder aufgebaut, und zwar von jener Nordfassade ausgehend: Die frühere, viel verwinkeltere Anlage wurde zugunsten eines rechteckig angelegten Schlosses mit enormem Innenhof verworfen.
Interessant fanden wir, dass das Schloss, obgleich als Museum besuchbar, durchaus von der Königsfamilie bewohnt wird – und da sich diese derzeit in Urlaub befindet, war selbst ein kleiner Teil der sonst privaten Räume besuchbar.
Unter den für das Publikum geöffneten Räumen befand sich auch der Bankettsaal, in dem auch tatsächlich geladene Gäste speisen – einer der wichtigsten nächsten Termine dafür dürfte die Hochzeit der Kronprinzessin Victoria sein. Klar: Wenn allein das Eindecken des Saales zwei Tage dauert, muss das betreffende Ereignis schon eine gewisse Größe aufweisen! Bei Tisch gilt übrigens die Regel: Wenn der König mit Essen fertig ist, haben auch alle anderen mit dem Essen fertig zu sein. Heutige Gäste können sich daher glücklich schätzen, dass der König ein geruhsamer Esser ist – früher galt oftmals die Devise, beim Essen keine Zeit mit dem Trinken zu verschwenden, Trinken könne man ja später immer noch.
Im Keller des Schlosses lassen sich Reste der ursprünglichen Burg besichtigen, und auch die Schatzkammer steht der Öffentlichkeit bereit. In letztere haben wir “wo wir schon mal da waren” dann auch noch einen kurzen Blick geworfen: Kronen, Schwerter, Zepter. Sicherlich viele wertvolle Dinge (im historischen wie im finanziellen Sinne), aber weshalb sich so viele Menschen ausgerechnet dafür interessieren, wird mir wohl verborgen bleiben. ;-)
Nach dem Schloss haben wir noch der Storkyrkan (”große Kirche”) einen Besuch abgestattet, die sich unweit des Schlosses befindet. Bis 1907 wurden hier die schwedischen Königinnen und Könige gekrönt, die innerhalb der Kirche dementsprechend auch “Sonderplätze” haben – links seht ihr einen davon. Die Kirche selbst ist ein Backsteinbau aus dem 13. Jahrhundert, der im 18. Jahrhundert im barocken Stil überarbeitet wurde. Thorsten findet es dezent, ich finde es überladen. Für eine Kirche recht eigenwillig ist sicherlich die Unterbringung eines Kunstwerks wie dem ausgestellten: Einer Videoinstallation eines älteren Mannes, der völlig nackt auf Schlittschuhen über den zugefrorenen Mälarsee gleitet und dazu vom Gesang eines kleinen Jungen begleitet wird, der ein altes italienisches Kirchenlied singt …
Chokladkoppen und Nobelmuseum
7. August 2009
Den Freitag haben wir bei einer heißen Schokolade und einer Kanelbulle in der Morgensonne begonnen. Festzuhalten ist, dass die Schokolade nach wie vor hervorragend ist. Festzuhalten ist aber auch: Als ich das Chokladkoppen 2001 kennengelernt habe, war es noch das, was man gemeinhin “Geheimtipp” nennt. Dummerweise ist es dann auch in die Reiseführer in die Rubrik “Geheimtipp” geraten, und inzwischen nennen es die Reiseführer meist direkt an erster Stelle, die typischerweise mit “Auf keinen Fall verpassen” betitelt ist. Soll heißen: Das Café hat sich von einem Einheimischencafé in ein Touristencafé verwandelt, mit entsprechenden Preisen und entsprechendem unschwedischem Publikum. Geschmeckt hat es dennoch.
Rechts seht ihr den Blick vom Chokladkoppen auf das direkt danebenliegende Nobelmuseum. Hier findet zwar nicht die Verleihung des Nobelpreises statt (sondern im Konserthuset), aber es wird einiges über die Geschichte Alfred Nobels und des von ihm gestifteten Preises erzählt. Sehr groß ist das Museum nicht; es zeigt in erster Linie einige historische Exponate (Fotografien, Dynamitstangen, Alfred Nobels Testament), einige Aufsteller über die bedeutendsten Nobelpreise seit seiner Stiftung, und, am eindrucksvollsten: Eine Sammlung sämtlicher Nobelpreisträger, auf Fahnen gedruckt, die an einer Transportanlage befestigt wurden, die aus einer Hemdenfabrik stammt und die an der Decke des Museums befestigt wurde: Hier sieht man nacheinander Preisträger um Preisträger langsam vorüberfahren – bei der Fahne Jean-Paul Sartres jedoch ohne Bild, um widerzuspiegeln, dass Sartre den Erhalt des Preises ablehnte, da er der Meinung war, die Annahme eines Preises würde einen Menschen unfrei machen.
Die aktuellsten Nobelpreise (aus dem Jahr 2008) werden direkt im Eingangsbereich ausführlich mit Audio- und Videokommentar vorgestellt – neben den fünf “echten” Nobelpreisen auch den der Wirtschaftswissenschaften, was reichlich merkwürdig erscheint, denn dieser Preis wurde mitnichten von Alfred Nobel gestiftet, sondern von der schwedischen Reichsbank “im Gedenken an Alfred Nobel”. Was Alfred Nobel dazu wohl gesagt hätte? In einem 2001 von seinen Nachfahren veröffentlichten Brief schrieb er jedenfalls: “Ich habe keine Wirtschafts-Ausbildung und hasse sie von Herzen.”
Kaknästornet
6. August 2009
Zugegeben: Unser Plan für heute abend sah eigentlich Achterbahnfahren vor. Wie das Schicksal es wollte, war aber genau die Bahn, auf die wir besonderen Wert legten, außer Betrieb – weshalb wir den Besuch von Gröna Lund kurzerhand auf morgen abend verschoben haben.
Stattdessen haben wir deshalb einen kleinen Ausflug zum Kaknästornet, dem Stockholmer Fernsehturm gemacht. In diesem Zusammenhang habe ich von einem Architekturstil erfahren, der mir bisher völlig unbekannt war: dem Brutalismus, und ein wenig brutal sieht der Turm ja auch aus. Unter den Stockholmern soll er auch nicht gerade beliebt sein; das Gebäude aus den 70er Jahren ist vermutlich auch nicht unbedingt dafür geeignet, romantische Gefühle zu wecken wie ein Eiffelturm (der ja ebenfalls ein Fernsehturm ist, aber das wusstet ihr natürlich alle schon).
Selbstverständlich entschädigt der Ausblick für alles. Zwei superschnelle Aufzüge (mit je zwei Tasten, “1″ und “30″) bringen die Besucher zur Aussichtsplattform. Rechts seht ihr den Blick nach Osten; die Abendsonne wirft den Schatten des Turms mitten ins Bild. Hinten in der Ferne beginnt der legendäre Schärengarten, jenes Inselgebiet mit zig tausend Inseln, von denen die allermeisten unbewohnt sind, von ein paar Campern hier und dort abgesehen (örtliche Fährunternehmen bieten regelrechte “Insel-Hopping-Touren” an). Die zwei kleinen Inseln zur Spitze des Turmschattens sind die Fjäderholmarna, die gerne mit dem Slogan werben “… wo der Schärengarten beginnt”. Ein kleiner Blick auf Google Maps zeigt aber schnell, dass das bodenlose Übertreibung ist: Die Fjäderholmarna sind links unten bei der kleinen “A”-Markierung. Der Schärengarten ist, nun ja, all das viele Zeug rechts. Wie man sieht, kann man eigentlich frühestens Vaxholm als Eingang zum Schärengarten ansehen.
Wenn es die Zeit (und die Reisekasse) erlaubt, würden wir gerne mal eine Tour durch die Inseln machen. Die örtlichen Fähranbieter reißen sich natürlich um die ganzen Touristen, zu denen wir ja nun auch irgendwie gehören. So werden Dutzende unterschiedlicher Strecken angeboten, bis hin zu einer In-zwei-Stunden-mit-dem-Speedboot-einmal-quer-durch-und-zurück-Tour. Mal sehen, was sich machen lässt.
Zum Abschluss noch ein kleiner Ausblick zur nördlichen Seite. Die grüne obere Hälfte des Bilds wird erneut von der grünen Tiergarteninsel bestimmt (merkt ihr, wie ich mich um “Djurgaaaaaarden” drücke, nur um nicht immer mühsam das Kringel-A aus der Zeichentabelle suchen? Auf schwedischen Tastaturen liegen es dort, wo bei uns das Ü liegt, weil’s das im Schwedisch nicht gibt). Grob gesagt verteilt sich Stockholm auf rund 1/3 Bebauung, 1/3 Grün und 1/3 Wasser. Vom Fernsehturm aus lässt sich wohl am Besten ein Eindruck davon gewinnen, welche riesigen Flächen hier – unmittelbar angrenzend an die Stadt – von Wiesen oder Wäldern bedeckt werden. Der Anblick ist einfach überwältigend.
Für den heutigen Tag haben wir uns dann zurückgezogen. Morgen geht es nochmal rund, bevor ein paar ruhigere Tage folgen. Bis dann!
Wasamuseum
6. August 2009
Preisfrage: Was haben unser schöner Mainzer Dom und das schwedische Kriegsschiff Vasa gemeinsam?
Als der Dom im Jahr 1009 mit festlicher Fackelbeleuchtung eingeweiht wurde – nun, zu diesem schönen Anlass brannte er erstmal ab.
Die Vasa begab sich, nach mehreren Jahren Bauzeit, im Jahr 1628, vor den Augen von zehntausend Schaulustigen, auf Jungfernfahrt. Sie schaffte es kaum aus dem Hafen von Stockholm heraus: Nach gerade mal einer halben Stunde legte sie sich schon deutlich schräg, einige Böen gaben ihr den Rest, und sie soff kurzerhand ab und versank, bis nur noch die Spitzen der Masten aus dem Wasser ragten. Jene Spitzen gehören zu den wenigen Teilen, die nicht mehr auffindbar sind. Die Legende sagt, sie seien kurz nach dem Unglück abgesägt worden, weil man den demütigenden Anblick nicht ertragen konnte, aber wie so Vieles ist dies natürlich nicht mehr nachprüfbar.
Die Jungfernfahrt hätte die Vasa nach kurzem Weg zu einem Zwischenstopp gebracht, an dem 300 Soldaten und jede Menge Ladung aufs Schiff gebracht worden wären – und so durchaus für die nötige Stabilität gesorgt worden wäre. Eine Stabilitätsprüfung am Vortag (30 Männer laufen an Deck von links nach rechts) hatte bereits ergeben, dass das Schiff nicht übermäßig stabil liegt. Insofern wurde durchaus bewusst ein gewisses Risiko eingegangen – mit tragischem Ausgang. Von den 150 Besatzungsmitgliedern überlebten immerhin etwa 100-120 – der restlichen Besatzungsmitglieder sollten die einzigen Opfer werden, die die Vasa zu verantworten hatte.
Genau 333 Jahre und viel Hickhack um die Finanzierung hat es gedauert, bis eine erfolgreiche Bergung vorgenommen werden konnte, und im Grunde zeigte erst die Bergung selbst, wie lohnenwert das Unterfangen war: In der salzarmen Ostsee gedeihen nur wenig Lebewesen, die dem Holz des Schiffes schaden könnten. Die größten Schäden am Holz werden durch Wassererosion verursacht. Praktischerweise sind aber die vielen prunkvollen Verzierungen – Gustaf Vasa wollte eben richtig angeben – nur mit dünnen Nägeln angebrachten worden, die nicht lange hielten. Große Teile der Dekoration fielen schon nach kurzer Zeit ab und glücklicherweise mit dem Prunk nach unten tief in den Schlamm – fernab jeglicher Erosion. Aus diesem Grund sind insbesondere die Verzierungen des Schiffes ungewöhnlich gut erhalten; nur rund 5% des Schiffs mussten rekonstruiert werden. Diese wurden aufwendig konserviert (”mit Polyethylenglykol – das ist auch in ihrer Hautcreme!”) und nun einer der größten Magnete der Stadt.
Das Museum selbst wurde übrigens kurzerhand über das Trockendock gebaut, in dem die Vasa restauriert wurde – und dort liegt sie noch heute: Das vermutlich friedlichste Kriegsschiff der Welt.
Nordiska Museet
6. August 2009
Das nordische Museum wird im Reiseführer liebevoll als ein Museum beschrieben, das die von seinem prunkvollen Äußeren geweckten Erwartungen nicht erfüllt. Ausnahmsweise zur Linken mal kein Bild von uns, sondern aus der Wikipedia – aber eins, das das enorme Gebäude sehr schön widergibt. Der Audioführer zitiert zum Thema des chronischen Geldmangels den Gründer Artur Hazelius sinngemäß mit “Ach, das Geld … hätte ich erst auf die Finanzierung gewartet, wie weit wären wir dann heute schon?”
Insgesamt haben wir nicht viel Zeit hier verbracht. Das Museum zeigt schwedische Traditionen, von der Wohnungseinrichtung über die Art, festliche Tafeln zu decken, über Kinderspielzeug, ein Ausflug zum Volk der Samen … sicherlich kann man sehr viel Zeit hier verbringen, aber vieles erschließt sich ohne Erklärung einfach nicht. Der Audioführer erwähnt nur sehr punktuell einzelne Ausstellungsstücke, die dann allerdings durchaus interessant. Wer hätte gedacht, dass es zu den schwedischen Tischtraditionen gehörte, einen Schwanenbraten im Federkleid desselben zu präsentieren – und jenes Federkleid für jeden weiteren Braten einfach weiterzuverwenden? Heute herrscht glücklicherweise ein etwas anderer Hygienestandard.
Ein Foto des Innenraums soll noch einen kleinen Eindruck davon vermitteln, mit welcher Größe dieses Museum protzt – die Ausstellungsräume sind jeweils um die Mittelhalle herum gruppiert, und das dann noch auf vier Stockwerken. Für mehr als einmal reinschauen hat die Zeit dann nicht gereicht, denn wir hatten noch einen Termin: 15:30 Uhr, deutsche Führung im Wasamuseum.
Aquaria Vattenmuseum
6. August 2009
Nur wenige Meter von der Kunsthalle entfernt liegt direkt ein weiteres Museum. Ein richtiger Museumstag, ihr merkt es schon, aber wir wollen die Drei-Tages-Karte ja auch nutzen – danach wird es sicherlich erstmal ruhiger, ein paar schöne Spaziergangsrouten haben wir uns bereits überlegt. Museen erscheinen uns im Regelfall sehr teuer: Unter 8 Euro Eintritt ist selten etwas zu sehen; 10 Euro sind keine Seltenheit. Umgekehrt kommen Kinder in aller Regel zu einem sehr viel niedrigeren Preis oder sogar ganz umsonst ins Museum – und “Kinder” heißt nicht selten “bis 18″.
Der Eingang des wasserlastigen Museums liegt stilecht unter einem Wasserfall, der nur durch die Eingangspforte geteilt wird. Innen ist das Museum in verschiedene Teile gegliedert, wobei der aufwendigste ein nachgebauter Regenwald ist, den man über einen Holzsteg durchqueren kann. Erstaunlich fand ich, dass hier (wie auch schon im Skansen) insbesondere das große Wasserbecken im Regenwald offen war und man prinzipiell auch einfach hineingreifen könnte. Ein lustiges Video klärt die Kinder darüber auf, dass der hiesige Katzenfisch derjenige sei, der am wenigsten menschenscheu sei – also lieber nicht ins Wasser fassen, sonst … muss man wohl aus Schaden klug werden. So ist man auf diese Weise aber mittendrin, Schaben krabbeln über den Weg … und am Ende des Holzstegs führt eine Treppe nach unten, wo man sich den Regenwald noch einmal anschauen kann – diesmal aber unterhalb der Wasseroberfläche. In einem anderen Bereich führen zwei “Krabbeltunnel” mitten durch die Wasserbecken, so dass man hier, nur durch eine Plexiglaswand geschützt.
Auch sonst gibt sich das Museum große Mühe, auf kleinstem Raum die verschiedensten Lebensbereiche von Wassertieren möglichst genau abzubilden – bis hin zu einem geöffneten Abwasserkanal, in den man hinabsteigen und zwischen Becken mit typischen Abwasser-Lebewesen hindurchgehen kann, bevor es am anderen Ende des Gangs wieder nach oben geht.
Alles in allem: Kein großes Museum, aber eins für die Sinne, das viele Ansichten bietet, die man nur selten zu sehen bekommt. Fotos haben wir hier leider keine machen können: Nicht, weil es untersagt gewesen wäre; das ganze Museum ist sehr dunkel gehalten, wodurch insbesondere die farbenfrohen Korallenlandschaften toll zur Geltung kommen – nur für die schwache Kamera bleibt dann nicht mehr viel.
Liljevalchs Konsthall
6. August 2009
Heute führte uns zunächst die Straßenbahnlinie 7 noch einmal auf die grüne Tiergarteninsel. Diese Linie ist von daher eine Besonderheit, weil (im Gegensatz zu anderen Linien in Stockholm) hier ausschließlich Wagen aus den Baujahren 1900-1960 zum Einsatz kommen, und, ohne es genauer zu wissen, vermutlich kein einziges Modell zweimal. Am Wochenende verkehrt auf einigen Routen auch eine Cafébahn, in der man mit Kaffee und Stückchen versorgt wird – vielleicht erwischen wir ja eine von ihnen!
Als wollte das Schicksal uns Ikea absichtlich in den Weg legen, findet in Liljevalchs Konsthall, die sich im Allgemeinen der modernen Kunst widmet, derzeit eine Ausstellung über die Geschichte Ikeas, seiner Designer und natürlich seiner Möbel statt. Wir haben natürlich nicht erwartet, dass sich ausgerechnet eine schwedische Ausstellung übermäßig kritisch mit Ikea auseinandersetzt (beispielsweise damit, dass nicht wenige Produkte ziemlich schamlos von namhaften Desigern abgekupfert wurden), aber unterhaltsam war sie in jedem Fall. Ein paar Anekdoten gefällig?
- In den frühen 50er Jahren, als das erste Ikea-Einrichtungshaus eröffnete, wurde Ikea von praktisch der gesamten etablierten Möbelbranche boykottiert: Lieferanten wurden angewiesen, Ikea nicht zu beliefern, wenn sie bestehende Aufträge nicht verlieren wollten; Einrichtungsmagazine weigerten sich, Werbeflächen an Ikea zu verkaufen; Möbelmessen verboten Ikea-Gründer Ingvar Kamprad sogar den Zutritt. Der Legende nach kam er trotzdem – von Mitarbeitern in einen Teppich gerollt hineingeschmuggelt. (Angesichts solcher “Underdog”-Geschichten fällt es nicht schwer, die in der Ausstellung an vielen Stellen transportierte trotzig-stolze Jetzt-erst-Recht-Haltung von Ikea zu verstehen.)
- Nachdem Ikea 1985 sein erstes Haus in den USA eröffnet hatte, tauchte zwei Jahre später ein Mitbewerber namens STØR auf. Ikea lernte die andere Seite der Abkupferei kennen: STØR gestaltete seine Läden in blau-gelb, die Produkte sahen genauso aus, kosteten oft das gleiche, die Anzeigenmotive waren denen von Ikea nachempfunden, es gab ein Bällchenbad für die Kinder, und im Restaurant wurden Köttbullar mit Preiselbeeren verkauft. Ein Jahr später wählte Ikea den Klageweg, doch auf halbem Weg änderte Ingvar Kamprad seine Meinung – und kaufte sämtliche STØR-Filialen kurzerhand auf.
Im Ausstellungsteil “Ikea in the world” hatte das Museum einen Stapel Verpackungen aufgetürmt und mit verschienen Ortsnamen und Jahreszahlen bestückt, um die wichtigsten Eröffnungen zu skizzieren. Auch einige deutsche Häuser sind dabei, wie das nebenstehende Bild zeigt. Wer findet den Fehler (der übrigens kein einmaliges Versehen ist, sondern sich konsequent bei allen deutschen Eröffnungen wiederfindet)? ;-)
Beckholmen
5. August 2009
Die kleine Insel Beckholmen wird von den meisten Reiseführern unerwähnt gelassen, vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil sie wenig mit der pittoresken Romantik zu tun hat, die Stockholm so umfangreich prägt.
Beckholmen ist eine Industrieinsel. Ihr Name bedeutet “Pechinsel”, was nichts mit Unglück zu tun hat, sondern damit, dass hier vom 17. bis hin ins 19. Jahrhundert Pech hergestellt wurde, was für die Instandsetzung von Schiffen sehr wichtig ist – und in dieser Richtung hatte Stockholm ja schon immer viel zu bieten. Man erreicht die Insel von Djurgården aus über eine kleine hölzerne Fußgängerbrücke, die wieder einen anderen Blick auf andere Teile der Stadt eröffnet.
Im 19. Jahrhundert wurden hier zwei Trockendocks angelegt. Da die Inseln sowieso aus Felsen bestehen, brauchte man hier im Grunde einfach nur in den Fels zu sprengen (das dürfte man im Bild links ganz gut sehen – wer genau hinschaut und sich das Gegenlicht wegdenkt, sieht, dass der Kran ganz kreativ als Giraffe gestaltet wurde). Im 20. Jahrhundert kam schließlich noch ein drittes, größeres Trockendock dazu, mit schlappen 200 Metern Länge. In diesem Dock verbrachte schließlich auch die heute im Wasamuseum ausgestellte “Vasa” einige Zeit, um vom ersten Schlamm befreit zu werden.
Nach Beckholmen hat es uns dann für heute wieder in die heimische Herberge gezogen. Morgen (oder wenn ich so auf die Uhr schaue, nachher) geht es weiter. Schön, dass ihr dabei seid!
Skansen
5. August 2009
Auf Djurgården erwartete uns Skansen, ein riesiges, über 100 Jahre altes Freilichtmuseum. Wir haben uns kurzerhand den ganzen Tag Zeit genommen, um ihn dort zu verbringen, denn mit seinen 300.000 qm ist der Park ohnehin viel zu groß, um ihn an einem Tag vollständig bewusst zu erleben. Da wir den Park an sich beide schon besucht hatten, begannen wir dieses Mal mit dem Aquarium, einem abgetrennten Bereich, der sich vor allem Schlangen, Fischen und verschiedenen anderen kleineren Tieren widmet. Zum Teil führen die Besucherpfade (mit entsprechend gesichertern Zugängen) direkt durch die großen Gehege – beispielsweise an der Gruppe Lemuren, die oben im Bild zu sehen ist und sich so sehr ineinander verknotet hatte, dass wir nur an den Schwänzen zählen konnten, wieviele es waren.
Im weiteren Verlauf waren noch eine ganze Menge Fische und Korallen zu sehen, und schließlich auch noch zwei riesige Krokodile. An der nebenstehenden Aufforderung, doch bitte nichts zu den Krokodilen hineinzuwerfen, fiel uns das erste Mal auf, dass man es hier wohl nicht so mit rigiden Verbotsschildern hat: In Skansen wird immer gerne gleich eine kleine Geschichte erzählt, so auch im Gewächshaus, dessen Tafel am Eingang einem liebevoll die Geschichte des Blumenpflückens im Laufe der Jahrhunderte nahebrachte, nur am damit zu schließen, dass man, nun ja, hier doch bitteschön keine pflücken möge. :)
In Stockholm selbst gibt es zugegebenermaßen nicht sehr viele Elche. Die, die es gibt, werden dem Vernehmen nach von einem tiefen Wunsch getragen, zu Elchbraten zu werden, in dem sie sich auf Landstraßen im Dunkeln auf die Straße begeben, im gleißenden Scheinwerferlicht stehenbleiben, etwas blöde dreinschauen und nur darauf zu warten scheinen, dass ihnen ein Auto die spiddeligen Beine weghauen kann. Der Schaden am Auto ist regelmäßig eher zu vernachlässigen. Der Schaden am Elch nicht.
Mangels eines Autos ;-) waren wir darauf angewiesen, uns die Elche in Skansen anzuschauen, und im Bereich “nordische Tiere” war es dann soweit. Ich musste feststellen, mir bisher ein ganz falsches Bild vom “Geweih” eines Elchs gemacht zu haben. Es ist in keinster Weise spitz und zu allem Überfluss auch noch von Fell überzogen. Kurz gesagt, die Elche sehen aus wie Kuscheltiere. Riesige Kuscheltiere, versteht sich, denn einmal auf den Beinen überragt der Elch jeden anderen Besucher ohne Probleme. Nebenstehend seht ihr, wie ulkig es aussieht, wenn ein Elch sich kratzt.
Etwas weiter im Skansen trifft man auf den wunderschönen Rosengarten, der gleichzeitig an einem der höchsten Punkte der Insel liegt. Der Blick aufs “Festland”, das in Wirklichkeit ja auch nur eine weitere Insel ist, ist kaum zu überbieten – zwischen den Bäumen sieht man in der Ferne das Stadtzentrum durchschimmern. Die Wasserbarriere muss man sich einfach dazudenken. Natürlich kann das alles nur ein kleiner Einblick sein; der Park hat ja noch viel viel mehr zu bieten. Neben dem Tier- und Gartenbereich gibt es schließlich auch noch einen “Stadt”-Bereich mit rund 150 historischen Gebäuden, teilweise nur leicht am Ort versetzt, teilweise von ganz woanders hertransportiert. In den Sommermonaten werden viele der Gebäude “bespielt”, sprich, es leben dann wirklich Menschen dort und verrichten dort Arbeiten wie Glasbläserei, Druckerei, Bäckerhandwerk, … das alles natürlich auch in der entsprechenden historischen Kleidung. Ich habe zwar nicht mehr allzu viele Erinnerungen daran, aber Vati und Mutti: Hjerl Hede in Dänemark dürfte sicherlich ähnlich gewesen sein.
Gegen Abend sind wir dann langsam zum Ausgang geschlendert und haben noch einen Abstecher nach Beckholmen gemacht, was fast vor der Tür liegt.
Mit dem Schiff nach Djurgården
5. August 2009
Tommi wird mich sicher noch rüffeln, weil ich ihm versprochen habe, gleich schlafen zu gehen. Dummerweise bin ich zwar erschöpft, aber nicht müde, daher gibt es heute noch einen Blog-Eintrag.
Wir haben uns, sicherlich keine große Überraschung, für die Stockholm-Karte entschieden, die wir direkt in unserer U-Bahn-Station bekommen konnten. Der erste Weg, da wir nicht in der Jugendherberge frühstücken wollten, führte uns ins Stadtzentrum zu einer Einkaufsgalerie mit dem naheliegenden Namen “Gallerian”. Wir hatten dort im letzten Jahr die bis dato besten Kanelbullar gegessen, Schwedens legendäre Zimtschnecken, gewürzt mit einer Prise Kardamom. Die gibt es hier wirklich an jeder Ecke, aber die bei dem schicken Bäcker, der im Gegensatz zu den anderen Läden mitten auf der Galerie liegt – die hat einfach alles übertroffen. So gestärkt konnte es dann los in den Tag gehen.
Links seht ihr, wie es vom Innenstadthafen Nybroviken aussieht (sorry für das Gegenlicht, aber mehr gibt die Handykamera da nicht mehr). Wir haben uns entschlossen, zur Insel Djurgården (Tiergarten) mit der M/S Emelie zu fahren, obwohl auch einfach eine Brücke hinüberführt. Aber erstens ist die Benutzung des Schiffs in der Stockholm-Karte enthalten, und zweitens liebe ich jegliche Überfahrten übers Wasser. Im Bild ist die M/S Emelie bereits in der Anfahrt auf den Hafen zu sehen.
Während der Überfahrt, die gerade mal zehn Minuten dauert, gibt es bereits eindrucksvolle Blicke auf das prunkvolle Nordiska Museet und das auch von der Architektur her einem Schiffsrumpf nachempfundene Wasamuseum. Hierzu folgen bestimmt noch Fotos, wenn wir diese Museen besuchen. Gröna Lund war zwar heute noch nicht dran, aber ich finde den Blick vom Wasser auf den Freizeitpark einfach spektakulär. Mehrere Fahrgeschäfte, darunter die Free-Fall-Tower, sind extra so ausgelegt, dass man einen tollen Blick auf die Stadt und – beim Fall nach unten – auf den blitzartig näherkommenden Wasserspiegel hat. Ich bin schon sehr gespannt!
Angekommen
4. August 2009
Der erste Gruß aus Stockholm! Gestern abend war ich einfach zu müde, um noch etwas zustandezubringen …
Die Reise war unspektakulär – wir haben den Frankfurter Flughafen selten derart leer gesehen. In zwei Minuten waren wir durch die Sicherheitskontrolle (wie üblich: bei mir piept’s, bei Thorsten nicht) und haben uns auf den langen Weg zu Gate A28 gemacht – das ist sicherlich eine Viertelstunde, die man da zu laufen hat. Der Abflug selbst hat sich dann rund eine halbe Stunde verzögert, weil irgendein Fluggast es hinbekommen hat, sein Gepäck einzuchecken, dann aber selbst nicht am Gate zu erscheinen – so dass das Gepäck wieder raus musste. Offensichtlich stand es ganz hinten. Im Flug leichte Überraschung: Die großen Fluggesellschaften scheinen sich etwas von den Billigfliegern abzuschauen. Den Becher Kaffee oder auch den für viele Menschen wohl auf Flügen obligatorische Tomatensaft gibt’s nämlich nicht mehr umsonst. Man kann ihn sich natürlich an Bord kaufen – selbstverständlich zu Preisen, die sich gewaschen haben. Da haben wir dann dankbar verzichtet.
Vom Flughafen nach Stockholm: Kein Problem. Von der Deutschen Bahn bin ich es gewohnt, bei online gebuchten Tickets ein Papierticket mit 2D-Code ausdrucken zu müssen, dann wird aufwendig gescannt, die BahnCard zur Kontrolle durchgezogen, irgendwas eingetippt, Ticket gestempelt … im Arlanda Express zeigt man kurz die Kreditkarte vor, mit der man online gebucht hat, einmal durchziehen und die Kontrolle ist nach zwei Sekunden geschafft. Es geht mit 200 km/h durch die Nacht direkt zum Bahnhof “Stockholm C” (wie “Centralen”), nicht ohne per freundlicher Ansage darauf hingewiesen zu werden, dass man hier den “most environmental-friendly way to travel from Arlanda to Stockholm” gewählt habe. Unterwegs, an einer Zwischenstation, immer noch in Arlanda, erblicke ich durchs Fenster am Bahnstein einen Automaten für … Taschenbücher. Skurril. Ab Stockholm C dann noch ein paar Stationen mit der U-Bahn, und … geschafft. Der Check-In problemlos, Bargeld nicht vonnöten. Ich habe immer noch die 66 Kronen in der Tasche, die letztes Mal übriggeblieben sind.
An eine mögliche Aktivität bin ich erst auf dem Flug durch das Bordmagazin erinnert worden: “Sie werden doch nicht Stockholm besuchen, ohne dabei dem größten IKEA der Welt einen Besuch abzustatten..?” hieß es dort sinngemäß. Wohlgemerkt, in einem Artikel über die Stadt, nicht in einer Werbeanzeige. Ich erinnerte mich daran, dass auch zwei Freunde von uns kürzlich in Stockholm waren und extra auch zum IKEA gefahren sind – und völlig begeistert waren. Neugierig wäre ich ja schon …
Rechts bekommt ihr einen kleinen Eindruck von unserem Zimmer. Das ist hier, wohlgemerkt, immer noch eine Jugendherberge. Allerdings werden hier vom 9-Bett-Schlafsaal über das schickere Zwei-Bett-Zimmer (aber noch mit Bad auf dem Flur), gehobenere Doppelzimmer mit Bad auf dem Zimmer (so eins haben wir) bis hin zur Suite so ziemlich alle möglichen Kategorien angeboten. Die Suite hätte dann übrigens auch eine eigene Terrasse und einen eigenen Whirlpool, das ganze in einer Ausstattungsqualität, neben der so manches Designhotel alt aussähe. Ganz abgesehen von den Annehmlichkeiten, die auch schon bei den einfachen Zimmern zum Standard gehören: Flachbildfernseher, Kabelanschluss, Internet auf dem Zimmer – wahlweise direkt am Fernseher auf Kanal 24 oder per WLAN. Leider steht kein Internetanschluss per Kabel mehr zur Verfügung wie beim letzten Mal – da habe ich das Netzwerkkabel ganz umsonst mitgenommen. :-)
Was uns heute bevorsteht, ist erstmal die schwierige Entscheidung: U-Bahn-Wochenkarte oder Stockholm-Karte? Letztere gilt für drei Tage und umfasst auch die U-Bahn, aber – wie man das auch aus anderen Städten kennt – dazu auch eine Vielzahl von Museen, von denen wir viele ohnehin besuchen wollten und mit der Stockholm-Karte gut Geld sparen können. In der restlichen Zeit wollen wir dann eher zu Fuß die Gegend erkunden bzw. wiederentdecken. Erstmal aber Frühstück, und danach werden wir es wissen. (Und entschuldigt das arg verwackelte Bild links, aber, Hand aufs Herz: Nachdem wir uns hier ausgebreitet haben, ist das schöne Interieur unter einem Berg aus Taschen, Kleidung und Kram verschwunden, sprich, ich kann’s nicht nochmal machen. ;-)
Geld tauschen
4. August 2009
Mainz ist ein Dorf. Und, zugegeben: Ich bin hier auch einfach ein bisschen durch das Internet “versaut”: Es ist einfach viel zu selbstverständlich geworden, Dinge, die man haben will, selbstverständlich sofort zu bekommen (im Fall einer online erbrachten Leistung) oder spätestens am nächsten Tag (per Post). Für die örtliche Sparkasse – die Hauptfiliale – ist es hingegen völlig undenkbar, Devisen aus dem einen oder anderen europäischen, aber Nicht-Euro-Land vorrätig zu haben. Schwedische Kronen müssen bestellt werden, und das dauert, wie man mir gestern mitteilte … eine Woche, kommt also nicht (mehr) in Frage. Reiseerfahrene werden anmerken, dass man sowas ja vorher wissen könnte. Ja, wissen wir ja auch. Deshalb hatten wir vor zwei Jahren auch Kronen vorbestellt, bei unserer Filiale in Bretzenheim. Einen Tag vor der Abreise wollten wir sie dann abholen, und da hieß es dann: “Oh, hat Sie niemand angerufen? Wir haben keine bekommen. Aber fahren Sie doch mal zur Hauptfiliale, die haben immer Kronen vorrätig.” – Nun gut, immer ist offensichtlich kein sehr dehnbarer Begriff, schon in zwei Jahren haben sich die Zeiten wohl geändert.
Nun wissen wir inzwischen schon recht gut, dass Geld tauschen am Zielort in aller Regel günstiger ist. Aber wieviel eigentlich genau? Klar ist es schöner, günstiger zu tauschen, aber für einen eingesparten Euro einen stundenlangen Umweg zur Geheimtip-Wechselstube zu machen, ist ja nun auch nicht sinnvoll.
Für uns geht es um 8000 schwedische Kronen, das sind so ganz grob etwa 800 Euro (nicht erschrecken, aber wir müssen unter anderem die Jugendherberge bar bezahlen). Bei der deutschen ReiseBank kostet das 854,95 Euro und noch 10 Euro Gebühren oben drauf, also 864,96 Euro. Um die gleiche Summe Kronen zu erhalten, muss ich in Schweden bei Forex nur 814 Euro investieren – also gut 50 Euro weniger als in Deutschland. Wie praktisch, dass am Flughafen, wo wir ankommen, auch direkt eine Filiale ist, und die werden ja wohl schwedische Kronen vorrätig haben.
Übrigens nimmt in Schweden praktisch jeder ec-Karten und auch Kreditkarten an, und zwar auch schon für ein Päckchen Kaugummi. Handgeschriebene Schildchen an der Kasse wie “Kreditkartenzahlung erst ab 10 Euro!!!” sind dort unbekannt. Da die Kreditkartenunternehmen in aller Regel nur den regulären Wechselkurs plus 1,5% berechnen, ist das gleichzeitig auch die einfachste Möglichkeit, ohne den Tausch größerer Mengen Bargeld auszukommen. Außerdem kann man in vielen Geschäften auch direkt in Euro bezahlen, und interessanterweise ist das manchmal sogar die günstigste Möglichkeit.
Die letzten Stunden daheim neigen sich dem Ende – in etwa einer Stunde geht es auf zum Flughafen.
Chokladkoppen
2. August 2009
Bevor ich es vergesse: Hier noch das gesamte Bild, das ich aus euren Fotostreifen zusammengesetzt habe. Es zeigt das Café Chokladkoppen (kopp bedeutet Tasse, und choklad kann sich wohl jeder denken, der schon mal im Supermarkt eine Tafel Marabou gekauft hat), das ebenfalls seit meinem ersten Aufenthalt in Stockholm zu den festen Anlaufpunkten gehört. Winzig klein, hutzelig geradezu, immer überfüllt, mit den bestaussehendsten Kellnern der Stadt und vor allem mit einer leckeren Theke mit hausgemachtem Kuchen. Anders als in Deutschland müssen hier keine Hauben über den Kuchen stehen, so dass man sich schon allein dem Duft kaum entziehen kann – abgesehen davon sieht es noch wesentlich ansprechender aus.
Was in der Markenwelt heute so gerne “Branding” genannt wird, hat das Chokladkoppen übrigens im Wortsinn umgesetzt: Das Geschirr trägt das Logo des Cafés – und zwar handgetöpfert im gebrannten Ton. Davon abgesehen gibt es hier hervorragende heiße weiße Schokolade, und zwar mit geschmolzener Schokolade anstelle des Instantpulvers, mit dem in gängigen Coffeeshop-Ketten gearbeitet wird. Ich kenne keinen anderen Ort, der auf vergleichbare Art sowohl ruhig als auch hektisch ist, sowohl wohltuend altmodisch und gleichzeitig unheimlich angesagt. Für mich ist es das Referenzcafé.
Noch zwei Tage …
2. August 2009
Langsam wachsen Aufregung und Vorfreude. Die Flugtickets sind schon lange gebucht, die Zimmer reserviert. Es fehlt noch an schwedischen Kronen in bar, weil ich nicht früh genug das Limit meiner Kreditkarte auf ein urlaubstaugliches Niveau angehoben habe und wir die Jugendherberge daher bar bezahlen müssen. Aber wir fliegen erst Dienstag abend; noch ist genug Zeit. Bis dahin werden hier die letzten Dinge erledigt. Wäsche gewaschen. Aufgeräumt. Das Internet gewälzt. Das Spaßbudget errechnet. Die Transfertickets für den Arlanda Express vom Flughafen in die Stadt gebucht.
Dies ist nicht mein erstes Mal in Stockholm. Kennengelernt habe ich die Stadt 2001 im Rahmen einer Jugendfreizeit mit Lambda. Seitdem bin ich vernarrt in die Stadt. Ein paar Dinge gehören daher schon jetzt auf jeden Fall zum Pflichtprogramm, weil sie einfach jedes Mal spannend sind: Das Wasamuseum, das nichts mit Knäckebrot zu tun hat, sondern in dem die Vasa ausgestellt ist, ein schwedisches Kriegsschiff, das Mitte des 17. Jahrhunderts untergegangen ist und Mitte des 20. Jahrhunderts geborgen werden konnte – in erstaunlich gutem Zustand. Das Museum liegt auf der Insel Djurgården, einem Stadtteil Stockholms, auf dem sich etliche Museen befinden, darunter das Freilichtmuseum Skansen, das ebenfalls zum festen Programm gehört. Daneben befindet sich dort – und ich muss mich über mich selbst wundern, dass ich als Achterbahn-Fan noch nie dort gewesen bin – auch der Freizeitpark Gröna Lund, der zwar nicht übermäßig groß ist, aber dafür praktisch “mitten in der Stadt” liegt, denn auch wenn “Insel” sehr außerhalb klingt: Die ganze Stadt Stockholm besteht ausschließlich aus Inseln, 14 an der Zahl, verbunden mit 53 Brücken, aber auch mit häufigem Fährverkehr, der teilweise ganz regulär zum öffentlichen Nahverkehr gehört. Passenderweise hat in Gröna Lund diese Saison eine neue Achterbahn eines Typs eröffnet, den ich ohnehin noch nie gefahren bin: Insane, einen 4-dimensionalen Zac-Spin-Coaster. Ich werde berichten. :-)
Danke!
1. August 2009
Liebe Andrea, Bärbel, Bastian, Bianca, Boni, Christiane, Elias, Franziska, Gideon, Linus, Malte, Markus, Matthias, Moritz, Mutti, Nati, Oma Westerholt, Rinke, Samuel, Sebastian, Selma, Stefan, Tante Helga, Thorsten, Tommi, Torsten, Vati und Wilfried,
mit eurem Gemeinschaftsgeschenk zu meinem Dreißigsten habt ihr alle mir eine riesengroße Freude gemacht. Nochmals von Herzen vielen Dank dafür!
Dieses kleine Urlaubstagebuch ist für euch. Denn wer etwas schenkt, der freut sich, wenn der Beschenkte sich freut. Die meisten von euch sehe ich nur leider viel zu selten, als dass ihr davon direkt etwas sehen könntet. Deshalb habe ich mir überlegt, euch auf diese Weise ein wenig auf dem Laufenden zu halten; so es mit der Technik funktioniert, vielleicht auch mit dem einen oder anderen Foto – vom Sommer in der schönsten Stadt der Welt. Wenn ihr mögt, begleitet Thorsten und mich also einfach virtuell. Am nächsten Dienstag geht’s los!
Herzliche Grüße, noch auf deutschem Boden,
Jonas














